Zwei Säuglinge (Zwillinge)

Egon Schiele

Tulln 1890 - 1918 Wien

Zwei Säuglinge (Zwillinge)

Bleistift auf Papier

45,1 x 36,8 cm

Rechts unten monogrammiert und datiert: S.10.

Kallir WV Nr. D 391

Provenienz:

Otto Benesch, Wien
Serge Sabarsky, New York
Nachlass Serge Sabarsky, New York, 1996
Vally Sabarsky, New York (im Erbgang von Serge Sabarsky, 1996)
Vally Sabarsky Trust, New York (erworben von Vally Sabarsky, 1996)

Ausstellungen:

Wien, Graphische Sammlung Albertina, „Egon
Schiele Gedächtnisausstellung“, 1948; Wien, Akademie der bildenden
Künste, „Egon Schiele: vom Schüler zum Meister“, 1984; Mailand,
Accademia di Belle Arti di Brera, „Egon Schiele: da allievo a maestro:
disegni e acquarelli“, 1984; Rom, Pinacoteca Capitolina, „Egon Schiele“,
1984; Venedig, Museo d’Arte Moderna Ca’ Pesaro, 1984; Palermo, Villa
Zito, „Egon Schiele: da allievo a maestro: disegni e acquarelli“, 1985;
Tel Aviv, Tel Aviv Museum of Art; Hamburg, Hamburger Kunsthalle;
Salzburg, Rupertinum; Graz, Schloss Plankenwarth; Innsbruck, Tiroler
Landesmuseum Ferdinandeum; Bottrop, Josef Albers Museum/Quadrat
Bottrop; Nürnberg, Nürnberger Kunsthalle, „Egon Schiele: vom Schüler
zum Meister“, 1985-86; Capri, Certosa di San Giacomo, „Egon Schiele:
da allievo a maestro: disegni e acquarelli“, 1986; Martigny, Fondation
Pierre Gianadda, „Egon Schiele“, 1987 (ausgestellt mit Gustav Klimt);
Rosenheim, Städtische Galerie Rosenheim; Florenz, Palazzo Strozzi;
Herford, Herforder Kunstverein im Daniel-Pöppelmann-Haus; Leverkusen,
Erholungshaus der Bayer A.G.; Hoechst/Frankfurt, Jahrhunderthalle
Hoechst; Bari, Castello Svevo; Genua, Museo Villa Croce; Ferrara,
Padiglione d’Arte Contemporanea di Palazzo Massari, „Egon Schiele:
100 Zeichnungen und Aquarelle“, 1988-89; Linz, Oberösterreichisches
Landesmuseum; Bietigheim-Bissingen, Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen; Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum; Ulm, Ulmer Museum; Passau,
Museum moderner Kunst; Prag, Palais Wallenstein; Paris, Musée-Galerie
de la Seita; Wien, BAWAG Fondation, „EGON SCHIELE: 100 Zeichnungen
und Aquarelle“, 1990-93; Reykjavík, National Gallery of Iceland; Ceský
Krumlov, Mezinárodní kulturní centrum Egona Schieleho, „Egon Schiele“,
1993-96; New York, Neue Galerie, „Egon Schiele: The Ronald S. Lauder
and Serge Sabarsky Collections“, 2006, no. D33; New York, Neue Galerie,
„Egon Schiele: Portraits“, 2014-15; New York, Neue Galerie, „Gustav
Klimt and Egon Schiele“, 2018

Literatur:

Ausstellungskatalog „Egon Schiele: vom Schüler zum Meister“,
hrsg. von Serge Sabarsky, Hamburger Kunsthalle, Hamburg 1984, Tafel 21
Ausstellungskatalog „EGON SCHIELE: 100 Zeichnungen und Aquarelle“,
hrsg. von Serge Sabarsky, Käthe-Kollwitz-Museum, Berlin 1991-92, Tafel 26
Jane Kallir, Egon Schiele: The Complete Works. Erweiterte Auflage, New York 1998, Abb. S. 393, WV Nr. 391
Ausstellungskatalog „Egon Schiele: Portraits“, hrsg. von Alessandra Comini,
Neue Galerie, New York 2014-15, Abb. S. 172, Nr. 36

Schiele, bekümmert von den sozialen Missständen im damaligen Wien, zog es 1910 zuerst in das tschechische Krumau und anschließend in das nahe gelegene Neulengbach in Niederösterreich. Besonders sein Aufenthalt in Neulengbach sollte sich später für Schiele als prägender Lebensabschnitt erweisen. In den Jahren 1910 und 1911 entstanden viele Zeichnungen von Straßenkindern, Gassenjungen und auch seine bekannt provozierenden Darstellungen von Kindermodellen. Sein Förderer Arthur Roessler sollte sich zeitlebens bemühen, den Zeitgenossen Schieles künstlerische Ansätze in Bezug auf diese Kinderakte zu erschließen.1 Aus dieser intensiven Schaffensperiode des Künstlers stammt das nach jahrzehntelangem Besitz durch die Familie Sabarsky von uns präsentierte Werk der „Zwei Säuglinge“. Zwei Kleinkinder, Zwillinge, die, losgelöst vom kindlichen Umfeld, leicht versetzt und das Bild füllend von Schiele platziert wurden, blicken dem Betrachter direkt entgegen. Schiele billigte den beiden Säuglingen eine Solitärstellung zu. Die zwei Körper ergeben eine geschlossene Komposition, die lediglich durch eine Strichformation im oberen Bereich des Blattes unterbrochen wird. Beide Kleinkinder hüllte Schiele in traditionelle Tücher, die partiell mit kleinteiligem Dekor versehen wurden. Durch die diagonal angeordnete Bindung der Gewänder entstanden Dynamik und Tiefenwirkung. Die Tatsache, dass Schiele in seiner Zeichnung alle über die beiden Köpfe hinausgehenden Körperteile negierte, lässt vermuten, dass er ganz gezielt Mimik und Gesichtszüge der Zwillinge hervorheben wollte. Der Kontrast zwischen den schwach ausgeführten Bleistiftlinien der Haare und den klaren Umrisslinien der Körper wie den kleinkinderhaften Physiognomien verleiht dem Bild seinen besonderen Ausdruck. Nicht nur die detailreiche Ausführung der Gesichtszüge, vielmehr deren Aussagekraft lässt den Betrachter verwundern. Der Fokus und die Ernsthaftigkeit der klaren Blicke sprechen nicht von kindlicher Leichtigkeit, sondern gehen mit dem Betrachter einen ebenbürtigen Dialog ein.
1 vgl. Ausstellungskatalog „Egon Schiele. Das Zeichnen der Welt“, hrsg. von Johann
Thomas Ambrózy und Klaus Albrecht Schröder, Albertina, Wien 2017, S. 45 und S. 122