Wien 1951
"Schubumkehr"
Acryl auf Hartfaser
175 x 203 cm
Rückseitig signiert und datiert: X.H. 2001
Provenienz:
Galerie Thomas, München
Privatsammlung, Frankreich
Privatsammlung, Österreich
Literatur:
Carl Aigner, Xenia Hausner, You and I, München 2008, Abb. S. 106f.
Ohne Zweifel zählt Xenia Hausner, die bis in die 1990er-Jahre als Bühnenbildnerin mehr als hundert Film-, Theater- und Opernproduktionen ausstattete, zu den renommiertesten österreichischen Künstlerinnen der Gegenwart. „Ihre Kunst ist eine Hommage an die analoge Welt“1: Für ihre koloristisch brillanten, farbexpressiven Bilder von allgegenwärtiger
Präsenz und überwältigender Wucht inszeniert Xenia Hausner räumliche Settings in ihren Ateliers in Wien, Berlin oder Traunkirchen in Oberösterreich, die von ihr zuerst fotografiert und anschließend gemalt werden. Bei den dargestellten Personen handelt es sich fast immer um Frauen, die wie Schauspielerinnen auf einer imaginären Bühne in einem von der Künstlerin „geschriebenen“ Stück agieren. „Schubumkehr“ aus dem Jahr 2001 gehört zu jener Schaffensphase, in
der Hausner ihre charakteristische Bildsprache voll entfaltet. Im Zentrum des großformatigen Gemäldes sitzt eine junge Frau, deren strenger, direkter Blick den Betrachter unweigerlich in das Bildgeschehen einbezieht. Hinter ihr entfaltet sich ein rätselhafter Bildraum: Ein von der Decke hängendes Propellerflugzeug, skizzenhafte Pfeile, Zahlen und grafische Markierungen erinnern an technische Zeichnungen oder mentale Notationen. Links erscheint ein gebündelter Stapel grüner Pflanzen – ein organisches Gegengewicht zur Mechanik des Flugzeugs. Der Titel verweist auf einen Begriff aus der Luftfahrt, bei dem nach der Landung der Schub eines Triebwerks umgekehrt wird, um die Geschwindigkeit zu drosseln. Hausner scheint diese technische Metapher jedoch als poetisches Bild für einen inneren Zustand zu begreifen. Das Gemälde scheint von Momenten des Innehaltens, der Neuorientierung und des Richtungswechsels zu handeln. Die Pfeile, die das Bild durchziehen, verstärken diesen Eindruck permanenter Bewegung und der Suche nach neuer Ordnung. Charakteristisch für Hausners Malerei ist der expressive Umgang mit Farbe. Das Gesicht der Dargestellten wird von kühlen Blau- und Violetttönen ebenso modelliert wie von leuchtendem Rot und Orange. Die Farbigkeit beschreibt dabei weniger das Sichtbare als emotionale Intensität. Zwischen gegenständlicher Präzision und malerischer Freiheit entsteht jene Spannung, die Hausners Werk international unverwechselbar macht. Ihre lapidare Antwort auf die Frage nach dem Bedeutungsinhalt ihrer
Bilder lautet deshalb: „Finden Sie es selbst heraus: Was auch immer Sie projizieren, ist wahr.“2
1 Laura Gascoigne, „Geschichten ohne Lösungen“, in: Ausstellungskatalog „Xenia Hausner. True
Lies“, hrsg. von Elsy Lahner, Klaus Albrecht Schröder, Albertina, Wien 2021, S. 59–66, hier: S. 66
2 ebd., S. 64