Wien 1938 - 2022 Mistelbach
Ohne Titel
Acryl auf Jute
200 x 150 cm
Rückseitig: WV Nr. HF-37-19
WV Nr. HF-37-19
Dieses großformatige, dynamische Werk gehört zu den späten malerischen Arbeiten Hermann Nitschs und gehört zur sogenannten Pfingst rosen-Serie, in der sich der Künstler vermehrt einer von Frühlingsblumen inspirierten, lichteren Farbpalette zuwandte. Fernab von der expressiv-dionysischen Blutsymbolik früherer Schaffensphasen überrascht dieses Gemälde durch seine fast zarte, poetisch-transzendente Farbwelt.
Mit der bloßen Hand und den Fingern direkt auf roher Jute aufgetragen, durchdringen sich hier pastose Schichten aus zartem Rosa, hellem Weiß, warmem Gelb und leuchtendem Zitronengelb. Die Farben wirken wie in Bewegung gesetzt, wolkenartig und stellenweise fast körperlich greifbar. Der direkte, unmittelbare Farbauftrag intensiviert das körperlich-performative Moment der Malerei: Die Finger hinterlassen Spuren, verwischen, verdichten, rhythmisieren – die Leinwand wird Zeuge eines körperlich-sinnlichen Rituals.
Trotz der scheinbaren Spontaneität folgt das Bild einer bewusst rhythmisierten Komposition, in der Farbe nicht Abbild, sondern Ereignis ist. Nitsch verstand Malerei als Teil eines rituellen Geschehens, als Teilakt seines „Orgien-Mysterien-Theaters“. Auch in dieser stilleren Arbeit bleibt der Gestus performativ: Die Bewegung der Farbe evoziert Emotion, Körperlichkeit und eine Form von transzendenter Energie.
Die Verbindung von gelblich-lichtem Farbauftrag mit der symbolisch aufgeladenen Farbe Rosa eröffnet Deutungsräume zwischen Geburt, Fleischlichkeit, Blüte und Licht – eine neue, beinahe meditative Facette im Spätwerk des Künstlers. Das Bild zeigt, wie sich Nitsch in seinen letzten Jahren der Lichtwerdung der Farbe widmete: Malerei als Malakt – aber zugleich als kontemplative Erfahrung.
„es macht mir grosse freude mich bei meinen arbeiten, die ich als achtzigjähriger noch herzustellen vermag, auf die blumenfarbige leuchtkraft der geschmierten farbsubstanz zu konzentrieren. mehr denn je ist mir die auferstehung ein prinzip.“1 (Hermann Nitsch, 2019)
1https://www.nitsch-foundation.com/news/eroeffnung-der-neuen-ausstellung/