Frauenbildnis

Egon Schiele

Tulln 1890 - 1918 Wien

Frauenbildnis

Schwarze Kreide auf Papier

47 x 30 cm

Rechts unten signiert und datiert: EGON / SCHIELE / 1918
Rückseitig Nachlassstempel

Kallir WV Nr. D 2223

Provenienz:

Nachlass des Künstlers
Galerie St. Etienne, New York
Georges Simon, New York (erworben von oben Genanntem, 1947)
Lore Müller
Christie's, New York, 16. November 1983, Auktion 5442/Egon, Lot 141
Galerie Würthle, Wien
Privatsammlung, New York (erworben von der oben Genannten, 1986)

Ausstellungen:

Tokio, Tokyu Art Gallery, "Gustav Klimt und Egon Schiele mit Werken von Alfred Kubin: Künstler der Jahrhundertwende"
Tochigi Prefectural Museum of Fine Arts, Utsunomiya
Chiba Parco, Chiba
Matsumoto Parco, Matsumoto
Shimoneseki City Art Museum, Shimoneseki, 1985
New York, Galerie St. Etienne, "Egon Schiele's Women," 2012
Wien, Leopold Museum, “Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914-1918”, 2025

Literatur:

Jane Kallir, Egon Schiele: The Complete Works, Expanded Edition, New York 1998, Abb. S. 609, D 2223
Ausstellungskatalog "Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914-1918" hrsg. von Kerstin Jesse, Jane Kallir, Hans-Peter Wipplinger, Leopold Museum, Wien 2025, Abb. S. 253

Kaum ein Künstler verkörpert die Wiener Moderne so eindringlich wie Egon Schiele. Seine Zeichnungen besitzen eine unmittelbare Intensität, die auch mehr als hundert Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrer Wirkung verloren hat. Das Frauenbildnis von 1918 zählt für mich zu jenen Arbeiten, die exemplarisch zeigen, weshalb Schiele heute als einer der bedeutendsten Zeichner des 20. Jahrhunderts gilt.
Mit wenigen, präzise gesetzten Linien entwickelt er eine außergewöhnliche Präsenz. Die junge Frau blickt den Betrachter direkt an – selbstbewusst, konzentriert und zugleich von großer Verletzlichkeit. Schiele verzichtet nahezu vollständig auf eine räumliche Ausarbeitung oder erzählerisches Beiwerk. Alles konzentriert sich auf Gesicht, Blick und Haltung. Gerade diese Reduktion macht die Zeichnung so modern: Die Linie wird zum Träger von Emotion, Charakter und psychologischer Tiefe.
Besonders faszinierend ist, dass dieses Blatt im letzten Lebensjahr des Künstlers entstand. Schieles Zeichnungen dieser Zeit wirken ruhiger und konzentrierter als die oft expressiv übersteigerten Werke seiner frühen Jahre. Die sichere, fließende Linienführung und die ausgewogene Komposition zeugen von einer künstlerischen Reife, die tragischerweise nur wenige Monate später mit seinem frühen Tod ein jähes Ende fand.
Auch die Provenienz unterstreicht die außergewöhnliche Qualität des Werkes. Es stammt unmittelbar aus dem Nachlass des Künstlers und war Teil bedeutender Privatsammlungen sowie renommierter Ausstellungen, zuletzt 2025 im Leopold Museum in Wien in der Ausstellung Zeiten des Umbruchs. Egon Schieles letzte Jahre 1914–1918. Solche Blätter sind heute nur noch äußerst selten am Markt verfügbar.
Für unsere Galerie steht dieses Frauenbildnis beispielhaft für die ungebrochene Aktualität der Wiener Moderne. Schiele gelingt hier etwas Zeitloses: Mit denkbar einfachsten Mitteln schafft er ein Porträt von großer menschlicher Nähe und emotionaler Wahrhaftigkeit – eine Qualität, die sein Werk bis heute unverwechselbar und international begehrt macht.
Max