Wien 1929 - 2021 Wien
"Zwiebelturm"
Öl auf Holz
47 x 19 cm
Links unten signiert: BRAUER
Rückseitig signiert, datiert, betitelt und nummeriert: BRAUER 1967 / „ZWIEBELTURM“ / 184
Brauer WV Nr. Öl 184
Literatur:
Wieland Schmied, Arik Brauer. Monographie und Werkkatalog,
Wien/München 1972, Abb. S. 237, Nr. 184
Die bibliophilen Taschenbücher, Arik Brauer, Werkverzeichnis, Bd. 2 der Vorzugsausgabe in drei Bänden, Dortmund 1984, S. 31, WV Nr. Öl 184
Die Betrachter:innen bewegen sich gleichsam zwischen Mikro- und Makrokosmos, zwischen realer Landschaft und visionärer Vorstellung. Die schmale, hochformatige Komposition „Zwiebelturm“ entwickelt sich wie eine visionäre Erzählung: Aus einer geheimnisvoll glühenden Landschaft erhebt sich ein zwiebelförmiger Turm, dessen organisch
anmutende Architektur weniger einem realen Bauwerk als einem außerirdischen Raumschiffwesen gleicht. Seine weich modellierte Form entzieht sich jeder eindeutigen architektonischen Zuordnung: Sie erinnert gleichermaßen an barocke Kirchtürme des österreichischen und süddeutschen Raums sowie an orientalische Kuppelbauten oder märchenhafte Fantasiearchitekturen. Die geheimnisvolle Öffnung im Sockel des Bauwerks, aus der warmes Licht hervortritt, verstärkt den Eindruck
eines mythischen Ortes zwischen Innen- und Außenwelt, Realität und Imagination. Umgeben von fantastischen Pflanzen, rätselhaften Tieren und schwebenden Fabelvögeln entfaltet sich ein Kosmos, in dem Natur, Mythos und Imagination untrennbar miteinander verschmelzen. 1964 entstand in En Hod, der von Künstlern gegründeten Siedlung
am Karmel in Israel, ein Zyklus von sechs Gouachen, in denen sich Arik Brauer erstmals intensiv mit der Figur des Golems auseinandersetzte. Die beiden Blätter „Le Coeur“ (Golem Nr. 2) und „Le Bassin“ (Golem Nr. 4) gehören zu den frühesten und zugleich eindrucksvollsten Werken dieser Reihe. Anders als die aus der jüdischen Mystik bekannte
menschenähnliche Lehmgestalt erscheint der Golem bei Brauer nicht als Figur, sondern als organisch wuchernder, metamorpher Körper. Architektur, Landschaft und Anatomie verschmelzen zu einem surrealen Kosmos, in dem Höhlungen, Öffnungen und vegetabile Formen zu Sinnbildern eines lebendigen, sich stetig verwandelnden Organismus
werden. Um den roten Faden des Space Age beizubehalten, könnte man sagen, dass beide Werke den Traum des Menschen, neues Leben oder neue Welten zu erschaffen, verkörpern. Zugleich geht es auch um die Ambivalenz eines Fortschritts, der sich der menschlichen Kontrolle entziehen kann. Während der Golem für die schöpferische Kraft
und ihre ethische Verantwortung steht, spiegeln Brauers Darstellungen von Raumfahrt und Mondlandung die Aufbruchsstimmung, aber auch die Unsicherheiten des atomaren und technologischen Zeitalters wider. So verbindet Brauer Mythos und Moderne zu einer zeitlosen Allegorie
über die Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Schöpfungsmacht.