Bozen 1873 - 1939 Bozen
"Bretonische Hochzeit"
Öl auf Leinwand
74 x 96 cm (laut WV)
Links unten signiert: Carl Moser
Kirschl WV Nr. M 107
Provenienz:
Privatsammlung, Mario und Allessandro Levi Moreos, Italien
Jesurum, Venedig
Literatur:
Wilfried Kirschl, Carl Moser 1873-1939, Innsbruck 1989, Abb. S. 233, WV Nr. M 107
Mit dem Ölgemälde „Bretonische Hochzeit“ präsentieren wir ein herausragendes Hauptwerk des Südtiroler Meisters Carl Moser. Das Gemälde vereint die beiden Pole, die Mosers Œuvre charakterisieren: die Faszination für das Brauchtum der Bretagne und die formale Radikalität des japanischen Holzschnittes.
Nach Abschluss seines Studiums an der Akademie der Bildenden Künste in München verbringt Moser sechs Jahre an der renommierten Académie Julian in Paris, wo zeitgleich Künstlerpersönlichkeiten wie André Dérain, Fernand Léger, Marcel Duchamp und Paula Modersohn-Becker studierten. In dieser Zeit verbrachte Moser die Sommermonate meist in Concarneau und Douarnenez an der rauen Atlantikküste Frankreichs – eine Region mit besonderem Licht, welches schon viele Künstler vor ihm anzog. Die farbenprächtige Kultur und die traditionelle Tracht, die er dort vorfand, dokumentierte Moser nicht bloß, sondern übersetzte sie in eine zeitlose, fast sakrale Bildsprache.
Die Begegnung in Concarneau mit dem Wiener Künstler Maximilian Kurzweil sollte Mosers Werk nachhaltig prägen. Kurzweil, der 1895 die Tochter des Vizebürgermeisters von Concarneau geheiratet hatte, war eng mit Emil Orlik befreundet, welcher sich wiederum die komplizierte und aufwendige Technik des Farbholzschnittes und Druckes während eines zehn-monatigen Aufenthaltes in Japan angeeignet hatte. Ob Orlik und Moser sich persönlich kannten, ist nicht gesichert. Klar ist nur, dass Orliks Wissen auch andere bedeutende Künstler wie Ferdinand Andri, Carl Moll, Koloman Moser und Alfred Roller dazu beflügelte, sich im Farbholzschnitt zu versuchen. Der schon in der Bretagne arbeitende französische Künster Henri Rivière, der ebenfalls japanische Holzschnitte sammelte und die Technik selbst anwandte, darf hier als weitere Inspirationsquelle nicht fehlen.
Das vorliegende Gemälde greift eines von Mosers bekanntesten Bildmotiven auf, dass er bereits 1906 in mehreren Farbholzschnitten erprobt hatte (s. S. 63 W. Kirschl Buch). In der späteren, großen Ausführung in Öl auf Leinwand, entfaltet das Thema jedoch eine völlig neue, physische Präsenz und malerische Tiefe.
Im Zentrum der Komposition steht ein Hochzeitspaar in festlicher, bretonischer Tracht. Der Blick des Betrachters wird augenblicklich von den meisterhaft ausgeführten Spitzenarbeiten der Frauenkleidung gefangen genommen. Links wendet sich die Braut im Profil ab. Ihr schneeweißer, reich gemusterter Schulterumhang glänzt in pastosem Farbauftrag und kontrastiert effektvoll mit dem tiefen, samtenen Schwarz des Bräutigams an ihrer Seite. Rechts daneben blickt eine zweite junge Frau – sehr wahrscheinlich die Ehrenbrautjungfer oder eine nahe, unverheiratete Verwandte - direkt aus dem Bildraum heraus und zieht den Betrachter in das Geschehen hinein. Ihr Festgewand ist von einer filigranen, schwarzen Spitzenborte überzogen, die sich wie ein ornamentales Netz über die rosa Unterkleidung legt. Die detaillierte Wiedergabe der filigranen Spitzenhauben, der sogenannten Coiffes, zeugt von Mosers virtuoser Fähigkeit, textile Strukturen haptisch erfassbar zu machen.
Betrachtet man den Hintergrund, fällt auf, wie minimalistisch und fast zweidimensional das Wasser und die Boote dargestellt sind. Der niedrige Horizont verschwimmt im Bild in einem sanften, pastellblauen und grauen Dunst. Dieses typisch bretonische, von der Atlantikfeuchtigkeit geprägte Licht faszinierte die Maler dieser Epoche. Moser verzichtet auf harte Schatten und nutzt stattdessen harmonische Farbflächen. Dort schaukeln die flach silhouettierten Schaluppen der Sardinenfischer in der sanft schimmernden Bucht von Douarnenez, welchen die Stadt ihren Wohlstand verdankte. Wie kleine, dunkle Tuschestriche sind die Boote auf die Wasserfläche gesetzt, was eine tiefe Ruhe erzeugt, die in starkem Kontrast zu der detailreichen und texturierten Spitze der Hochzeitsgesellschaft im Vordergrund steht.