Doppelfigur

Bruno Gironcoli

1936 Villach - 2010 Wien

Doppelfigur

Ausführung: Kunstgießer Rabas, Wien

Bronzeguss auf Holzsockel
Auflage 7

Gesamt: H 215 cm, L 81 cm, B 33 cm
Figur: H 80 cm, L 70 cm, B 26 cm

Signiert und nummeriert: GIRONCOLI 4/7

Busse WV Nr. SE-12

Literatur:

vgl. Bettina M. Busse (Hg.), Bruno Gironcoli. Skulpturen 1956 - 2008, Ostfildern 2008, Abb. S. 325 und S. 363, WV Nr. SE-12

Auf der heterogenen Spielwiese der zeitgenössischen Skulptur nimmt Bruno Gironcoli mit seiner unverwechselbaren, kryptischen und gleichsam anachronistischen Formensprache eine monolithische Stellung ein. Viele international beachtete monografische Ausstellungen im In- und Ausland, darunter der österreichische Beitrag zur Biennale in Venedig 2003,
manifestieren Gironcolis ambivalente Rezeption. 2018 widmet das Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien seinem Œuvre, das von den frühen filigranen Drahtobjekten über Polyesterarbeiten bis hin zu den gigantomanischen Skulpturen der letzten beiden Lebensjahrzehnte reicht, eine groß angelegte Präsentation. Dabei zollt die geplante Retrospektive
im MUMOK der Tatsache, dass Bruno Gironcoli parallel zu seinen dreidimensionalen plastischen Äußerungen ein umfangreiches Werk von Zeichnungen und Arbeiten auf Papier schuf, den ihr adäquaten Tribut. Ende der 1960er-Jahre arbeitete der Künstler mit sehr unterschiedlichen Materialien. Zum ersten Mal wurden Gegenstände des täglichen Lebens
wie Putzutensilien, Teller oder Besteck in die Herausbildung von in den Raum greifenden offenen Skulpturen und Installationen integriert.1 Bruno Gironcoli lud diese durch ihre Inszenierung stark tiefenpsychologisch auf, symbolträchtige Bedeutungsinhalte halfen ihm bei der Herauskristallisierung seiner ganz persönlichen Ikonografie.2 Gewalt, Folter und
Unterdrückung in Verbindung mit Sexualität wurden zusehends zentrale Themen von Bruno Gironcolis künstlerischer Arbeit.3 Bruno Gironcoli entwickelte verschiedenste Module, die er für seine Plastiken in immer neuen Zusammenstellungen variierte. „Murphy“, nach einer Romanfigur von Samuel Beckett, als individuelle künstlerische Interpretation der
menschlichen Figur, Babys, Engerlinge, Trauben, Weinblätter, Ähren, Löffel, Teller, Spiralen, Voluten, phallische und vaginale Formen konstituierten den Kern von Gironcolis künstlerischem Vokabular. Zu ihm gesellten sich die zentralen Themenkreise: Körperlichkeit, Sexualität, Fruchtbar keit, Gebären, Vater-Mutter-Kind, Männliches-Weibliches-
Androgynität, zwischenmenschliche Beziehungen. Bruno Gironcolis bildhauerische Manifestationen und Grafiken ergänzen sich wechselseitig.
Obwohl seine Zeichnungen und oftmals großformatigen Arbeiten auf Papier ihre Nähe zu konkreten Skulpturen und Installationen nicht verhehlen, erschöpft sich ihre Relevanz nicht in der Lösung technischer oder konstruktiver Probleme, in der reinen Skizzenhaftigkeit. Zudem wurde die in ihnen verwendete künstlerische Sprache kontinuierlich malerischer. 1990 zeigte Wilfried Skreiner in der Neuen Galerie am Landesmuseum Joanneum in Graz die erste umfassende Präsentation von Gironcolis Papierarbeiten, die im Anschluss an die Grazer Ausstellung in Klagenfurt, Zagreb und Ljubljana zu sehen war.

1 Der Terminus Entfremdung war für Bruno Gironcoli, der sich mit dem Existenzialismus und den
kritischen Theorien der Frankfurter Schule beschäftigte, essenziell.
2 Bettina M. Busse stellte den Konnex zur künstlerischen Position Joseph Beuys´ her (vgl. Bettina
M. Busse, „Gironcoli: Context. Versuchsanordnungen“, in: Ausstellungskatalog „Gironcoli:
Context“, Orangerie, Unteres Belvedere, Wien 2013, S. 10–24, hier: S. 15).
3 Typische Elemente des Aktionismus wie das Ritual, die Opferung oder die Bedeutung von Tieren
spielen in Bruno Gironcolis bildhauerischen Ausformungen ebenfalls eine wichtige Rolle.