Tulln 1890 - 1918 Wien
Stehende Frau, Beinstudie
Bleistift auf Papier
49,1 x 32,2 cm
Unten Mitte signiert und datiert: EGON / SCHIELE / 1913
Kallir WV Nr. D 1345
Ränder teilweise beschnitten, alte, professionelle Restaurierung
Provenienz:
Galerie Würthle, Wien (ab 1950)
Richard Rubinig, Wien
Privatsammlung Deutschland (verkauft bei Sotheby‘s London,
28. März 1984, Lot 331)
Sammlung A. Alfred Taubman
Sotheby´s New York, November 2015, lot 138
Privatsammlung, Paris
Literatur:
Jane Kallir, Egon Schiele: The Complete Works, Erweiterte Auflage, New York 1998, Abb. S. 505, WV Nr. D 1345
Die Zeichnung "Stehende Frau, Beinstudie" entstand in einem Jahr, das einen Wendepunkt im Leben des Künstlers kennzeichnet. Ein kurzer Gefängnisaufenthalt, der ihn wohl sehr belastet hatte, ließ ihn in der unbequemen Realität abseits seines künstlerischen Schaffens ankommen und in gewisser Hinsicht erwachsen werden. Diese Erfahrung äußerte sich in erster Linie dadurch, dass Schiele zwischen 1913 und 1915 viele alte Strukturen über Bord warf und neue künstlerische Züge ausbaute. Die Erotik in seinen Werken nahm ab, stattdessen wurden Ausdruck und Posen der abgebildeten Personen prägnanter und der Strich stärker. Die Köpfe seiner Modelle ignorierte Schiele zusehends, denn er stellte sie entweder von hinten oder mit stilisierten Gesichtern dar. Im Extremfall, wie hier, schnitt er den Oberkörper gänzlich ab. Schiele kreierte damit eine neue Anonymität, die etwas Geheimnisvolles in sein Werk bringen und zugleich zu Spekulationen anregen sollte.
Wer war die hier dargestellte Person? Walburga (Wally) Neuzil ist sehr oft in den Zeichnungen von 1913 erkennbar, sie war aber nicht die einzige Frau, die für Schiele in diesem Jahr Modell stand. Eine derartige Vermutung drängt sich dennoch auf, ist Walburga Neuzil doch ebenso auf anderen Bildern dieser Serie mit Frauen, die mit (hochgerutschtem) Rock, darunter sichtbar werdender Pumphose mit Rüschen, Stöckelschuhen und Strümpfen dargestellt wurden, identifizierbar. Tatsächlich intensivierte sich Egon Schieles Beziehung zu Wally in dieser Zeit, da sie sich während seines Gefängnisaufenthaltes liebevoll um ihn gekümmert und sich ihm gegenüber äußerst loyal gezeigt hatte.
Die auf unserem Blatt dargestellte Frau steht aufrecht, ihre Arme sind unter ihrer Brust, die gerade noch zu sehen ist, abgewinkelt, ihre Hände ineinander gelegt und ihre zarten, langen Finger umschließen sich sanft. Darunter bauscht sich ihr Rock, der in einer großen Zickzack-Linie endet und den Blick freigibt auf ihre so genannte Pumphose mit Rüschen, die Schiele in ebenso wilder wie kleinteiliger Zickzack-Linie formte. Die untere Bildhälfte widmete Schiele den Beinen seines Modells. Man könnte Strümpfe erahnen, die um die Knie und an den Oberschenkeln gerafft sind, das Strumpfband versteckt sich wohl unter den Rüschen. Ein raues Zeichenbrett verlieh dem Strich mehr Charakter. Die vibrierende Linie wurde in unzählige Partien unterteilt, die das Blatt und unser Modell beleben.