Wien 1929 - 2021 Wien
"Ein kleiner Schritt"
Gouache auf Papier
60 × 86 cm (Passepartoutausschnitt, Maßangabe in der Literatur nicht
richtig)
Links unten signiert: BRAUER
Rückseitig am Papier betitelt und nummeriert: "Der kleine Schritt" Nr. 222 (laut Literatur falsche Nummer)
Rückseitig am Rahmen bezeichnet und zwei Etiketten der Gallery K, Washington, D.C. und der Felix Landau Gallery, Los Angeles
Brauer WV Nr. Aquarelle und Gouachen 201
Provenienz:
Felix Landau Gallery, Los Angeles
Gallery K, Washington, D.C.
Vom Vorbesitzer dort erworben
Literatur:
Wieland Schmied, Arik Brauer. Monographie und Werkkatalog,
Wien/München 1972, Abb. S. 260, Nr. 201
Die bibliophilen Taschenbücher, Arik Brauer, Werkverzeichnis, Bd. 2 der Vorzugsausgabe in drei Bänden, Dortmund 1984, S. 90/91, WVZ Nr. Aquarelle und Gouachen 201
Im September 1962 hielt J. F. Kennedy seine historische Rede „We choose to go to the Moon“, welche zahlreiche Künstler, Architekten und Designer
beflügelte. Auch von Arik Brauer entstehen in dieser Zeit einige Bilder mit klarem Bezug zum ausgehenden Space Age. Biomorphe Erscheinungen schweben wie Raumschiffe durch einen offenen, schwer definierbaren Raum, der an mikroskopische Welten ebenso erinnert wie an ferne Galaxien. Während die Raumfahrt den Blick physisch über die
Erde hinaus richtete, erschloss Brauer mit den Mitteln der Malerei innere und imaginäre Universen. In der Gouache „Ein kleiner Schritt“ entfaltet Brauer eine komplexe,
traumartig anmutende Szene. Das Werk thematisiert die Mondlandung und Neil Armstrongs berühmte Worte, als er aus der Sonde steigt: „That’s
one small step for man, one giant leap for mankind“. Im Zentrum des Bildes dominiert eine monumentale, organisch wirkende rote Form, die zugleich an ein Insekt, eine biomechanische Struktur oder eben ein Raumschiff erinnert. Die Oberfläche ist weich modelliert, beinahe körperhaft, und wirkt durch rhythmische Wölbungen und Einbuchtungen lebendig und pulsierend. Aus dieser hybriden, mutterleibartigen Mondkapsel heraus tritt eine kleine, menschliche Figur, deren Körperhaltung sowohl Erschöpfung als auch Konzentration vermittelt. Als uralte Symbole des Wassers und des Ursprungs allen Lebens erinnern die Fische in seinen Händen daran, dass selbst der kühnste technische Aufbruch den Menschen nicht von seiner biologischen und existenziellen Herkunft löst. Der erste Schritt auf einem fremden Himmelskörper wird so zugleich zur Reflexion über den Ursprung des Lebens und über die bleibende Bindung des Menschen an die Erde. So könnte das Werk als Sinnbild über Ursprung, Aufbruch und die Ambivalenz des Fortschritts gelesen werden.
Der restliche Bildraum ist in eine dunkle, erdig-kosmische Landschaft eingebettet. Der Hintergrund suggeriert eine organisch-strukturelle Tiefenwelt, in der sich pflanzliche, mineralische und galaktische Elemente überlagern. Kleine, schwebende oder schalenartige Formen verstärken den Eindruck eines schwerelosen, zeitenthobenen Raumes, der weniger physisch als psychisch erfahrbar ist. In „Puce“ entfaltet sich auf kleinstem Raum ein vielschichtiges Universum. Über einer landschaftlich angedeuteten, archaisch wirkenden Szenerie
schweben organische Gebilde von außergewöhnlicher Farbintensität. Ein leuchtend rotes, blüten- oder wesenhaftes Formgebilde tritt mit einer großflächigen blaugrünen Erscheinung in einen geheimnisvollen Dialog. Dazwischen erscheinen winzige Häuser, Baumgruppen und vegetabile Formen, die dem Bild eine märchenhafte Maßstäblichkeit verleihen.