Zwei Aktstudien nach Lilith Lang

Oskar Kokoschka

Pöchlarn 1886 - 1980 Villeneuve

Zwei Aktstudien nach Lilith Lang

Tochter des Gauklers

Bleistift auf Papier

47 × 31,2 cm (Fachgerechte Ergänzung des Blattes am unteren Rand),
44,7 × 31,5 cm (laut WV)

Links unten monogrammiert: OK.
Rückseitig sitzender Mädchenakt, die rechte Hand aufgestützt

Weidinger/Strobl WV Nr. 190 und Nr. 191

Provenienz:

Galerie Welz, Salzburg
Mercury Gallery, London
wahrscheinlich dort erworben spätestens 1971
vom neuen Besitzer 1999 erworben, dann im Erbgang an den Vorbesitzer
Sammlung Hegewisch, Hamburg

Ausstellungen:

Salzburg, Galerie Welz, "Meister des 20. Jahrhunderts - Gemälde, Plastik, Aquarelle, Zeichnungen", 1968
London, Mercury Gallery, Summer Exhibition, 1969
Hamburg, Kunsthalle, "Experiment Weltuntergang: Wien um 1900", 1981
Wien, Albertina, "Oskar Kokoschka: Das Frühwerk (1897⁄98 - 1917) - Zeichnungen und Aquarelle", 1994
New York, Guggenheim Museum, "Oskar Kokoschka - Works on Paper: The Early Years, 1897-1917", 1994
Hamburg, Kunsthalle, "Aus der Werkstatt des Künstlers – Druckgraphik und vorbereitende Zeichnungen der Sammlung Hegewisch", 1999/2000
Rom, Complesso del Vittoriano und Triest, Civico Museo Revoltella, "Klimt, Kokoschka, Schiele - Dall'art nouveau all'espressionismo", 2001/2002
Wien, Belvedere, "Oskar Kokoschka: Träumender Knabe - Enfant Terrible", 2008

Literatur:

Ausstellungskatalog "Meister des 20. Jahrhunderts - Gemälde, Plastik, Aquarelle, Zeichnungen", Galerie Welz, Salzburg 1968, Abb. S. 28, Nr. 43
Ausstellungskatalog, Summer Exhibition, Mercury Gallery, London, 1969, Nr. 183
Ernest Rathenau, Oskar Kokoschka, Handzeichnungen 1906-1969, New York 1971, Abb. S. 12, Nr. 11 und 12
Ausstellungskatalog, "Experiment Weltuntergang: Wien um 1900", Kunsthalle, Hamburg 1981, Abb. S. 83, Nr. 69a
I. Dolinschek, Oskar Kokoschkas Entwicklung als Illustrator 1906 bis 1909 - Eine Untersuchung anhand der Illustrationen 'Die träumenden Knaben' und 'Mörder, Hoffnung der Frauen', Eichstätt 1983, Abb. S. 44f, Nr. 19 und 20
Werner J. Schweiger, Der junge Kokoschka: Leben und Werk 1904-1914, Wien 1983, Abb. S. 60
Kühn, Oskar Kokoschka und 'Der Sturm', Münster 1987, Abb. Nr. 94
Ausstellungskatalog, "Oskar Kokoschka: Das Frühwerk (1897⁄98 - 1917) - Zeichnungen und Aquarelle", Albertina, Wien 1994, Abb. Nr. 36
Ausstellungskatalog, "Oskar Kokoschka - Works on Paper: The Early Years, 1897-1917", Solomon R. Guggenheim Museum, New York 1994, Abb. S. 86f., Nr. 17
Ausstellungskatalog, "Oskar Kokoschka: Träumender Knabe - Enfant Terrible", Alfred Weidinger, Stenersen Museum, Oslo 1996, Abb. S. 46, Nr. 58
Ausstellungskatalog, "Aus der Werkstatt des Künstlers – Druckgraphik und vorbereitende Zeichnungen der Sammlung Hegewisch", Kunsthalle, Hamburg 1999/2000, Abb. S. 52f. und S. 100f.
Ausstellungskatalog Rome, "Klimt, Kokoschka, Schiele - Dall'art nouveau all'espressionismo", Complesso del Vittoriano, Rom 2001/2002, Abb. S. 111, Nr. 46
Ausstellungskatalog, "Oskar Kokoschka: Träumender Knabe - Enfant Terrible" Belvedere, Wien 2008, Abb. S. 69, Nr. 32
Alfred Weidinger und Alice Strobl, Oskar Kokoschka - Die Zeichnungen und Aquarelle 1897-1916, Salzburg 2008, Abb. S. 110f., WV Nr. 190 und 191

Die vorliegende Zeichnung entstand 1907 in einer entscheidenden Phase im frühen Schaffen Oskar Kokoschkas. Bereits in diesen frühen Aktstudien offenbart sich jene unverwechselbare Handschrift, die später sein gesamtes Werk kennzeichnen sollte: die Konzentration auf den lebendigen Ausdruck des Menschen, die Befreiung der Linie von akademischen Konventionen und das Interesse an der psychologischen Präsenz des Dargestellten. Wesentliche Inspiration für Kokoschkas Aktzeichnungen dieser
Zeit kam von zeichnerischen Experimenten von Gustav Klimt, George Minne und Auguste Rodin. Das Blatt zeigt zwei Ansichten eines weiblichen Modells, identifiziert als Lilith Lang. Zwar war sie zu diesem Zeitpunkt sechzehn Jahre alt, Kokoschka zeichnete ihren Körper jedoch bewusst kindlicher als er tatsächlich war. Statt im Kind das über alles geliebte
ideale Geschöpf zu sehen, stand für den Künstler das Unfertige, sich körperlich und geistig Entwickelnde im Vordergrund. Kokoschkas Liebe zu Lilith Lang, der Schwester seines Freundes und Kommilitonen Erwin Lang, war unerfüllt geblieben. Die Sehnsucht nach dem Mädchen verarbeitete der einundzwanzigjährige Kokoschka teilweise in seinem berühmten
Märchenbuch „Die Träumenden Knaben“, verlegt von der Wiener Werkstätte 1907–08. Es handelt sich dabei um ein Hauptwerk seiner frühen Schaffensperiode, das gleichzeitig formal als ein Höhepunkt des Wiener Jugendstils in seiner schönsten Form angesehen werden kann. Mehrere Studien Lilith Langs aus der Hand Kokoschkas sind bekannt, die in direkter
Verbindung mit dem Schlussblatt des Buches stehen – „Das Mädchen Li und ich“. Auf unserem Blatt erscheint der Mädchenakt in unterschiedlichen Haltungen, jeweils in einer stillen, in sich gekehrten Bewegung. Die linke Figur ist von hinten gesehen, den Kopf leicht abgewandt, während die rechte Figur in einer Drehung des Körpers dargestellt ist und
den Arm vor das Gesicht hebt. Auf der Rückseite des Blattes ist Lilith sitzend und verrenkt, mit geschlossenen Augen dargestellt, was ihre physische und psychische Verletzbarkeit noch unterstreicht. Beide Studien vermitteln weniger den Eindruck eines klassischen akademischen Aktes als vielmehr einer unmittelbaren Beobachtung des lebenden Modells.
Kokoschka verzichtet weitgehend auf detaillierte anatomische Ausarbeitung oder illusionistische Modellierung. Stattdessen entwickelt sich die Figur aus einer Folge rascher, suchender Linien, die den Körper gleichsam ertasten. Gerade diese scheinbare Unvollständigkeit verleiht der Zeichnung ihre besondere Intensität. Die Linie dient hier nicht der Beschreibung einer äußeren Form, sondern wird zum Ausdrucksträger einer inneren Wahrnehmung. Die Körper erscheinen fragil, beinahe verletzlich. Die schlanken Gliedmaßen, die leicht überdehnten Proportionen und die sparsame Andeutung anatomischer Details erzeugen eine Spannung zwischen körperlicher Präsenz und psychischer Empfindung.
Die Entstehungszeit des Blattes fällt in jene Jahre, in denen sich die Wiener Kunstszene im Spannungsfeld zwischen Jugendstil, Symbolismus und
den ersten expressionistischen Tendenzen bewegte. Während die Wiener Secession noch von dekorativer Eleganz und stilisierter Schönheit geprägt
war, suchte die jüngere Künstlergeneration nach neuen Ausdrucksformen. Kokoschka gehörte zu den radikalsten Vertretern dieses Aufbruchs. Seine Zeichnungen und späteren Gemälde zielten nicht auf Harmonie oder Schönheit im traditionellen Sinn, sondern auf die unmittelbare Erfassung menschlicher Existenz. Heute begegnet uns diese Zeichnung nicht nur als Zeugnis einer historischen Avantgarde, sondern auch als erstaunlich zeitgenössisches Werk. „Zwei Aktstudien nach Lilith Lang“ vereint die Sensibilität einer intimen Beobachtung mit der künstlerischen Kühnheit eines jungen Genies und stellt damit ein bemerkenswertes Beispiel für die frühe Zeichenkunst Oskar Kokoschkas dar. Die kunstgeschichtliche Bedeutung dieses Blattes wird durch die beeindruckende Ausstellungshistorie unterstrichen. Von London über Hamburg nach New York, Wien und Rom fand sich das Blatt in Ausstellungen namhafter Museen, welche von Publikationen begleitet wurden, in denen diese Studie Kokoschkas abgebildet ist.