Wien 1929 - 2021 Wien
"Der letzte Floh"
Öl auf Holz
15,7 x 38 cm
Rechts unten signiert: BRAUER
Rückseitig Etikett
Brauer WV Nr. Öl 109
Literatur:
Wieland Schmied, Arik Brauer. Monographie und Werkkatalog,
Wien/München 1972, S. 233, Nr. 109
Die bibliophilen Taschenbücher, Arik Brauer, Werkverzeichnis, Bd. 1 der Vorzugsausgabe in drei Bänden, Dortmund 1984, S. 198, WV Nr. Öl 109 (ohne Abb.)
Das kleinformatige Gemälde Puce (Floh) entstand in einer zentralen Schaffensphase Arik Brauers und vereint auf eindrucksvolle Weise jene Elemente, die sein Werk international bekannt machten: poetische Fantasie, erzählerische Bildfindung und eine unverwechselbare, zwischen Traum und Wirklichkeit oszillierende Bildsprache. Als einer der Hauptvertreter der Wiener Schule des Phantastischen Realismus entwickelte Brauer seit den 1950er Jahren eine Bildwelt, in der sich Naturformen, Mystizismus, gesellschaftliche Reflexion und poetische Imagination zu einem Narrativ verdichten.
In Puce entfaltet sich auf kleinstem Raum ein vielschichtiges Universum. Über einer landschaftlich angedeuteten, archaisch wirkenden Szenerie schweben organische Gebilde von außergewöhnlicher Farbintensität. Ein leuchtend rotes, blüten- oder wesenhaftes Formgebilde tritt mit einer großflächigen blaugrünen Erscheinung in einen geheimnisvollen Dialog. Dazwischen erscheinen winzige Häuser, Baumgruppen und vegetabile Formen, die dem Bild eine märchenhafte Maßstäblichkeit verleihen. Der Betrachter bewegt sich gleichsam zwischen Mikro- und Makrokosmos, zwischen realer Landschaft und visionärer Vorstellung.
Charakteristisch für Brauer ist die Verbindung einer präzisen, altmeisterlichen Malweise in der narrativen Art Brueghels, mit einer freien, assoziativen Bildfindung. Die Formen entziehen sich einer eindeutigen Interpretation und eröffnen vielfältige Lesarten. Pflanzen können zu Wesen werden, Landschaften zu Traumräumen, Farben zu Trägern emotionaler und symbolischer Bedeutungen. Gerade diese Offenheit macht den besonderen Reiz seiner Arbeiten aus und verleiht ihnen jene poetische Qualität, die das Werk Brauers bis heute unverwechselbar erscheinen lässt.
In seiner freien Assoziationskraft wirkt Puce erstaunlich modern. Die biomorphen Formationen, die Verschiebung der Maßstäbe und die traumartige Räumlichkeit erinnern an jene psychedelische Ästhetik, die wenige Jahre nach Entstehung des Bildes internationale Verbreitung finden sollte. Brauer entwickelt jedoch keine Gegenwelt zur Realität, sondern erweitert sie poetisch: Natur, Fantasie und Unterbewusstsein verschmelzen zu einer Bildvision, die zugleich verspielt, rätselhaft und von großer sinnlicher Präsenz ist.
Aus heutiger Perspektive lässt sich Puce auch als ein Echo des frühen Space Age lesen. Im September 1962 hält J. F. Kennedy seine historische Rede „We choose to go to the Moon“, welche zahlreiche Künstler, Architekten und Designer beflügelte. Auch von Arik Brauer entstehen in dieser Zeit einige Bilder mit klarem Bezug, wie das hier gezeigte Aquarell „Der Kleine Schritt“. Biomorphe Erscheinungen schweben wie Raumschiffe durch einen offenen, schwer definierbaren Raum, der an mikroskopische Welten ebenso erinnert wie an ferne Galaxien. Während die Raumfahrt den Blick physisch über die Erde hinaus richtete, erschloss Brauer mit den Mitteln der Malerei innere und imaginäre Universen.
Trotz seiner intimen Dimension besitzt Puce die suggestive Kraft eines großen Bildraums und eröffnet dem Betrachter eine Welt voller Geheimnisse, Verwandlungen und poetischer Anspielungen.