Dachlandschaft

Wilhelm Nicolaus Prachensky

Innsbruck 1898 - 1956 Innsbruck

Dachlandschaft

Öl auf Karton

98 x 72 cm

Rechts unten signiert: WILHELM / PRACHENSKY / INNSBRUCK
Rückseitig Künstleretikett: WILHELM / NICOLAUS / PRACHENSKY / INNSBRUCK / TYROL

Provenienz:

Privatsammlung, Tirol (aus dem Nachlass des Künstlers erworben)

Ausstellungen:

Innsbruck, "Wilhelm Nikolaus Prachensky", 1961
Innsbruck / Rovereto / Bozen, "Expression - Sachlichkeit. Aspekte der Kunst der 20er und 30er Jahre. Tirol, Südtirol, Trentino", 1994/95
Kitzbühel, "Waldes Zeitgenossen. Malerei und Grafik der Klassischen Moderne in Tirol", Museum Kitzbühel, 2016

Literatur:

Ausstellungskatalog, "Wilhelm Nikolaus Prachensky", Innsbruck 1961,
Kat. Nr. 3
Ausstellungskatalog "Expression - Sachlichkeit. Aspekte der Kunst der 20er und 30er Jahre. Tirol, Südtirol, Trentino", hrsg. von Gert Ammann, G. Belli, S. L. Siena u.a., Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck/MART, Rovereto/Museion, Bozen, Abb. S. 254, Kat. Nr. 66
Matthias Boeckl, Wilhelm Nicolaus Prachensky, Innsbruck, Wien 1998, Abb. S. 23

Mit dem Gemälde „Dachlandschaft“ aus dem Jahr 1921 präsentieren wir ein Meisterwerk des Tiroler Expressionismus. Das großformatige
Werk dokumentiert in exemplarischer Weise die fruchtbare Synthese aus traditionsbewusster Eigenständigkeit und urbanen Einflüssen der europäischen Avantgarde. Gemeinsam mit Zeitgenossen wie Albin EggerLienz und Artur Nikodem prägt Prachensky eine spezifisch tirolerische Spielart des Expressionismus. Die „Dachlandschaft“ entsteht genau in
diesem Zustand des kreativen Aufbruchs. Sie löst sich zunehmend von der Heimatkunst und transferiert die alpine Kulisse in ein psychologisiertes,
tektonisches Geflecht aus Formen und Farben. Die Komposition besticht durch eine radikale, steil von oben herabblickende Perspektive. Prachensky verzichtet bewusst auf einen klassischen Horizont oder befreiende Fluchtpunkte – das Auge des Betrachters wird unweigerlich in das rhythmische Auf und Ab der Dachflächen, Giebel
und Schornsteine hineingezogen. Diese kompositionelle Herangehensweise sowie die aquarellartige Farbgebung offenbaren eine intensive Auseinandersetzung mit dem Werk Egon Schieles. Dessen berühmte Stadtporträts von Krumau haben sichtlich tiefe Spuren hinterlassen. Doch während Schieles Städte oft melancholisch wirken, verleiht Prachensky
seiner Komposition eine vitale, fast pulsierende Energie. Hier wird auch Prachenskys frühe Begeisterung für die Landschaften von Paul Cézanne deutlich. Der Farbauftrag erfolgt in kurzen, stakkatoartigen Pinselstrichen, der die Oberflächen in ein flirrendes Licht taucht. Die Palette changiert meisterhaft zwischen kühlen, expressiven Blau- und Türkistönen der Fassadenschatten und den warmen, erdigen Ziegelrot- und Ockernuancen der sonnenbeschienenen Dächer. Zusammengehalten wird diese farbliche Eruption von einer unruhigen, tastenden und wie freihändig wirkenden Konturierung. Diese Linienführung – typisch für Prachenskys Doppelbegabung als bildender Künstler und visionärer Architekt – beschreibt die Architektur nicht, sie seziert sie. Die Dächer verschachteln sich zu kristallinen Mustern, die an den Kubismus erinnern und dem statischen Sujet eine starke Dynamik verleihen. Der Künstler begreift die Anordnung der Häuserzeilen nicht als zufälliges städtisches Aggregat, sondern als plastisches Relief. Jeder Kamin, jedes Dachfenster und jeder Giebelüberhang ist präzise im dynamischen Gleichgewicht verankert. Es ist das Spiel von Masse und Raum, von Lichtfläche und Schlagschatten, welches dieses
Werk zu einem Lehrstück konstruktiver Bildarchitektur macht. Werke Wilhelm Nicolaus Prachenskys befinden sich unter anderem im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, in der Sammlung der Österreichischen Nationalbank sowie in der Grafischen Sammlung Albertina.