Kasten aus der Wohnung Magda Mautner-Markhof, Wien

Josef Hoffmann

1870 Pirnitz - 1956 Wien

Kasten aus der Wohnung Magda Mautner-Markhof, Wien

Weichholzkorpus, edelholzfurniert mit Intarsien aus verschiedenen Hölzern, innen Ahorn furniert, Beschläge und Stege aus Alpaka, im Mittelteil Türen mit bombiert geschliffenen Gläsern

H 240 cm, B 345 cm, T 47 cm

Originalzustand, fachgerecht restauriert, einige Furnierteile ergänzt

Provenienz:

Wohnung Magda Mautner-Markhof, Wien

Literatur:

Innendekoration, Bd. XVI, Stuttgart und Darmstadt 1905, Abb. S. 182
Eduard F. Sekler, Josef Hoffmann. Das architektonische Werk, Salzburg und Wien 1982, Abb. S. 277, WV 68
Ausstellungskatalog "Josef Hoffmann. Architect and Designer 1870-1956", Galerie Metropol, Wien 1981, Abb. S. 9

Der hier vorgestellte Kasten stammt aus einem zwischen 1902 und 1906 für Baronin Magda Mautner von Markhof von Josef Hoffmann eingerichteten Schlafzimmer der elterlichen Villa in Wien 3., Landstraßer Hauptstraße 138. Das seit den frühen 1890er-Jahren von ihren Eltern, dem Brauereibesitzer Baron Karl Ferdinand Mautner von Markhof und seiner Gemahlin Freiin Editha Sunstenau von Schützenthal, bewohnte Haus wurde in den Folgejahren zu einem der Anziehungspunkte für die jungen Künstler der Wiener Secession. Im Jahre 1906 hatten drei der führenden Gründungsmitglieder der Wiener Secession ihren Lebensmittelpunkt in oder neben der Villa Mautner von Markhof. Bereits 1895 hatte der Maler Josef Engelhart Doris geheiratet, eine der drei künstlerisch tätigen Töchter Baron Mautner von Markhofs, und ließ sich 1901 in der angrenzenden Steinfeldgasse 15 ein Wohn und Atelierhaus bauen. 1905 heiratete die Tochter Editha ihren Lehrer an der Wiener Kunstgewerbeschule, den Maler Koloman Moser, und sie zogen in eine von ihm im Gartentrakt der elterlichen Villa eingerichtete Wohnung. Ein weiteres Gründungsmitglied der Secession, der Maler und Bühnenbildner Alfred Roller, lernte im Hause Mautner von Markhof seine Schülerin Mileva Stoisavljevic näher kennen, die er 1906 heiratete. Das Ehepaar mietete im Nebenhaus Landstraßer Hauptstraße 136 eine Wohnung. 1904 gestaltete Josef Hoffmann zusammen mit Koloman Moser ein Speisezimmer für Baronin Editha Mautner von Markhof.
Die Mautner-Markhofs sowie die Wittgensteins oder Waerndorfers sind als Vertreter des in zweiter Generation assimilierten wohlhabenden jüdischen Wiener Bürgertums ein typisches Beispiel für dessen aktives Interesse an den künstlerischen Leistungen der Wiener Secession. [...] Das von der Secession propagierte künstlerische Ideal des Gesamtkunstwerks setzte Josef Hoffmann in den für Magda Mautner von Markhof geschaffenen Räumen, aus denen der Kasten stammt, um. Dafür unterwarf Hoffmann die vorhandene Raumsubstanz seinem eigenen strengen architektonischen Konzept. Die Möbel waren keine beliebig auswechselbaren Einrichtungsgegenstände, sondern Teil eines klar durchdachten Raumerlebnisses. Der Raum wurde durch sie definiert.
Besonders deutlich wird dies im Fall des Schlafzimmerschranks. Mit seiner Hilfe zog Hoffmann einen einheitlichen Horizont ein, der unter anderem die Höhe der Türen, der Gaskaminnische und des Bettvorhangrahmens aufnahm. Er war wie die einzelnen über dem Horizont frei bleibenden Wandflächen auf Fläche komponiert. Das heißt, er nahm die Rahmenstruktur der Wandflächen auf, die den Schrank in seine einzelnen Funktionselemente aufteilte und gleichzeitig die Konstruktion des Schranks als gestalterisches Element nach außen verlegte. Den Richtungswechsel dieses Rahmens betonte er mittels heller Furnierrechtecke. In das obere Viertel der einzelnen Türtafeln setzte Hoffmann ein symmetrisches Flächenornament, das sich auf sämtlichen anderen Furniermöbeln des Raumes wiederholte.
Besonders raffiniert war die Art und Weise, wie Hoffmann der Flächigkeit des Schranks in dessen Mitte durch verglaste Türen und eine darüber liegende konkav einschwingende Nische ein räumliches Element entgegensetzte. Dadurch wurde dem Möbel seine Wuchtigkeit genommen und die lange Türfront konnte mit dem Raum kommunizieren. [...] Das Möbelstück zeigt Hoffmann auf dem Höhepunkt seiner reduziert geometrischen Schaffensphase.
- Christian Witt-Dörring